DEMOKRATIE IN BEWEGUNG

Julia Beerhold, Bundesvorsitzende von DEMOKRATIE IN BEWEGUNG, war vergangenen Sonntag bei Köln spricht – einem demokratischen Speakers‘ Corner. Köln spricht ist eine Veranstaltung, bei der jedem Menschen eine Bühne geboten wird, um Diskussionen anzuregen, um auf Augenhöhe miteinander zu sprechen: kontrovers und miteinander statt übereinander. Julia hat auf eine sehr persönliche Art über die systematische Diskriminierung von Frauen gesprochen und dabei das eigentlich dahinter liegende Grundproblem betont.

Sie hat viele Menschen mit ihrer Rede bewegt, Frauen und Männer.

Heute ist der Todestag meines Vaters. Für eine Sache bin ich ihm unendlich dankbar: Er hat mir in einer Zeit, in der das nicht üblich war, weibliche Role Models aufgezeigt. Und er hat mir beigebracht, dass ich alles sein kann, was ich will. Er hat mir Kräne und Feuerwehrautos geschenkt und mich ermutigt, Fußball zu spielen und Motocross zu fahren und meinen Kassettenrekorder auseinander zu schrauben. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass ich andere Chancen hätte als mein Bruder.

Mit diesem Bewusstsein bin ich dann auch nach dem Abi losgewackelt und wollte Pilotin werden. Nee, sagt die Lufthansa, das geht nicht für Frauen. Hä? Ich will das Ding fliegen, nicht schieben! Nein, körperliche Konstitution. Frauen können so was nicht. Kurze Zeit danach ging’s, aber da studierte ich schon was anderes. Und es war noch während meines Studiums, dass ich ernsthaft diskutieren musste, ob Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand werden sollte. Das kommt einem heute absurd vor, aber es ist noch nicht so lange her.

Wenn ich heute über Benachteiligung von Frauen spreche, höre ich oft: Hör doch auf damit. Heute ist doch alles gut. Frauen haben die gleichen Chancen und wenn sie die nicht nutzen, selber schuld. Sind ja die Frauen selber, die sich für Teilzeit entscheiden. Für die schlechter bezahlten Berufe. Die nach dem ersten oder spätestens nach dem zweiten Kind einfach die Karriere nicht mehr ins Laufen kriegen. Müssen sie halt andere Entscheidungen treffen. Sich besser organisieren.

Stopp. Das ist Quatsch! Die Gründe für strukturelle Benachteiligung liegen nicht im Versagen der einzelnen Frau. Genauso wenig wie es die Unfähigkeit der Arbeiterinnen und Arbeiter in den aufkommenden Industrienationen war, wenn sie von ihren Löhnen nicht leben konnten.

Das sind Strukturen, die Menschen geschaffen haben. Und deswegen können wir sie auch ändern!

Wir müssen uns nur ihrer bewusst sein.

Wir kennen alle Monopoly und wissen: Wenn es mir gelingt, die Schlossallee zu schnappen, ist das Spiel geritzt. Und so läuft es auch im echten Leben. Es gibt unterschiedlich starke Kräfte und so paradox es klingt: erst Regeln ermöglichen Freiheit. Nämlich Freiheit für alle – und nicht nur für die, denen die Schlossallee gehört. Womit wir beim Thema Wirtschaft sind. Später mehr dazu. Also: Ist heute alles gut?

Heute ist die Benachteiligung von Frauen meistens viel unsichtbarer als noch vor einigen Jahren. Frauen sind präsenter, selbstbewusster. Frauen sind scheinbar überall und haben Macht. Bundeskanzlerin. Verteidigungsministerin. (Übrigens beides die ersten Frauen in diesem Amt. Bis dahin undenkbar.) Und trotzdem verdienen wir weniger. Auch im gleichen Job!

Ich verdiene in meinem Beruf deutlich weniger als ein Mann mit gleicher Qualifikation. In meiner Branche liegt der Einkommensunterschied bei 22,7 Prozent.  Damit bin ich im Trend. Frauen verdienten in Deutschland im Schnitt im Jahr 2016 (!!!) immer noch rund 21 Prozent weniger als Männer. Und wir sind weniger in Führungspositionen vertreten. Und wir tragen den Hauptanteil der Sorgearbeit: wir leisten 52 Prozent MEHR Sorgearbeit als Männer. Von Gewalt gegen Frauen will ich hier jetzt gar nicht sprechen. Ich finde, wir dürfen uns daher ruhig verschiedene Fragen stellen.

Zum Beispiel: Warum werden Industriejobs, bei denen man nur auf Knöpfe drückt, so viel höher bezahlt als Berufe im sozialen Bereich? Oder geschlechterunabhängig: Warum verdient jemand im Finanzsektor so viel mehr als zum Beispiel ein Hausarzt, eine Hausärztin?

Und dann kommen wir schnell darauf, dass es auch und vor allem in unserem Wirtschaftssystem begründet liegt.

Ich würde euch jetzt gerne ein bisschen näher bringen, was ich damit meine, „wir werden zur Frau gemacht“, und welche Auswirkungen das auf mich hat. Von  Simone de Beauvoir stammt der Satz „wir werden nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht“. Ich habe viele Jahre gebraucht, ihn wirklich zu verstehen.

Mit 20 dachte ich, ich sei ein Mensch. Jetzt weiß ich: Ich bin eine Frau. Und erst danach ein Mensch.

Erst mal ein paar ganz kleine Beispiele: Wann immer ich sage, dass ich in einer Band spiele, kommt die Frage: Ach, singst du? Auch heute noch ist es in den Köpfen der Leute verankert, dass die Frau singt und die Jungs die Instrumente spielen. Nein, ich spiele Gitarre.

Als ich geheiratet habe, hat mich jeder und jede gefragt, ob ich meinen Namen behalte. Meinem Mann wurde diese Frage nicht gestellt.

Das sind nur zwei kleine Beispiele, harmlos an sich. Aber in der Summierung machen sie etwas mit uns. Ich werde von außen daran erinnert, wie ich als Frau eigentlich zu sein hätte. Wo mein Platz ist. Und ich kann die gleichen Dinge sagen wie ein Mann, und es wird anders bewertet. Und das übrigens von Frauen genauso wie von Männern. Sexismus, diese Stereotypen, die sind auch in unseren Köpfen. Das ist in der Matrix, genauso wie Rassismus.

Das stelle ich auch bei der Quotendiskussion immer wieder fest: Wie viele Frauen es gibt, die gegen die Quote sind. Häufigstes Argument: Ich will ja nicht wegen meines Geschlechts, sondern aufgrund meiner Qualifikation genommen werden. Als ob es bis jetzt aufgrund von Qualifikation gewesen wäre. Dann sähe die Welt aber anders aus! Und heißt das nicht im Umkehrschluss: Frauen sind schlechter? Beispiel Regisseurinnen: Bei den Tatorten sind es nur 11 % Regisseurinnen. Bei den Filmen mit höheren Budgets sogar nur noch drei Prozent Frauen, die Regie führen dürfen. Aber ALLES, was bisher im deutschen Fernsehen lief, ist ja von so dermaßen hoher Qualität, da sollten wir nix riskieren! Wenn da jetzt eine Frau kommt, dann leidet natürlich die Qualität, das versteht doch jede/r.

Zurück zu den Beispielen, was ich zur Zeit erlebe. Die beiden Beispiele oben sind ja fast niedlich. Aber es geht auch anders.Zwei Gespräche.  Vor drei Wochen. In einer deutschen Großstadt.

Gespräch 1: Ein Kollege, den ich sehr mag. Na ja. Mochte. Er hört von unserer neuen Partei DEMOKRATIE IN BEWEGUNG (DiB) und fragt als erstes: „Ist das so was Feministisches?“
Ich so: „Im guten Sinne, ja.“
Böser Blick von ihm. „Dann macht es ohne mich.“
„Wieso?“
„Das sollen die Frauen alleine machen.“
„Warum?“
„Es gibt überall nur noch Frauen. Für richtige Männer (wie mich) gibt es keinen Platz mehr.“

Ja, in den Redaktionen arbeiten heute viele Frauen. Und? Wo ist das Problem bitte? Wir sind die Hälfte der Bevölkerung, also dürfen wir auch die Hälfte der Jobs haben. Und was bitte macht einen „richtigen Mann“ aus? Dass er in Ohmacht fällt, wenn drei Frauen um die Ecke kommen?

Ich glaube, es liegt an unserer Wahrnehmungsverzerrung.

Frauen waren im öffentlichen Raum traditionell sehr viel weniger sichtbar. Und auch heute sind wir immer noch nur zu maximal einem Drittel sichtbar. Das „magische Drittel“. Im deutschen Fernsehen wirkt es auf uns, als seien da unendlich viele Frauen neuerdings. Wenn man dann mal zählt, sieht man, dass das nicht stimmt. In den fiktionalen Produktionen sind Frauen zu – Überraschung – maximal einem Drittel vertreten. Und ab einem gewissen Alter fast kaum noch. Hier wird die Wahrnehmung dadurch verzerrt, dass es einige, sehr wenige, prominente Schauspielerinnen gibt, die noch Rollen bekommen. Auch hier hilft: Zählen. Dann sehen wir, dass es eben nur wenige sind.

Anderes Beispiel: Die Tatort-Kommissarinnen. Wie oft höre ich: „Überall nur Kommissarinnen, das ist ja eine richtige Schwemme!“ Leute, dann zählt einfach mal. Geht auf die Seite der ARD und schaut, wie viele männliche und wie viele weibliche Tatort-Kommissare es gibt. Es sind 40 Prozent weibliche. Ja, es sind mehr als ein Drittel. Skandal. Aber immer noch deutlich weniger als die Hälfte. Wo ist da die Schwemme? Wir sind es einfach nur nicht gewohnt, mehr als 30 Prozent Frauen zu sehen!

Gespräch 2: Ein einflussreicher, sympathischer Produzent aus meiner Branche, nettes Gespräch, ich finde ihn klug und interessant. Wir unterhalten uns über dies und das und irgendwie kommen wir auf die Forderung von Pro Quote Regie nach einer Quote für Frauen in Schlüsselpositionen.

Er, plötzlich stinksauer: „Ich kann es nicht mehr hören, den ganzen Gender-Scheiß. ICH muss FRAUEN um Geld anbetteln! Und letztens sagt mir eine sogar, dass sie das Drehbuch nicht fördern will, weil keine starke Frauenfigur drin vorkommt. Ich hab so die Schnauze voll. Hör mir auf mit diesem Gender-Wahn.“

Ich frage nach. Ihm als Produzent müsste doch bekannt sein, dass es deutlich weniger Rollen für Frauen gibt und die auch noch schlechter bezahlt werden? Und dass es nicht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein kann (für den er ja auch produziert), eine Hälfte der Bevölkerung quasi auszublenden? Und ob er als Vater einer Tochter sich nicht wünscht, dass diese Chancengleichheit hat?

„Ich höre deine Worte. Aber sie erreichen mich nicht.“

Eine Diskussion ist nicht möglich, wir müssen das Thema wechseln. Ja, Frauen haben in der Filmförderung mittlerweile ein paar Positionen ergattert. Wo ist das Problem? WIR haben Jahrhunderte lang Männer um Geld angebettelt. Also???

Er fügt noch etwas hinzu: „Wir Männer haben in den letzten 30 Jahren was verloren.“
„Was denn?“, frage ich.
„Unsere Männlichkeit.“
Äh. Leider war ich nicht schlagfertig genug, zu sagen: „Ja. Ihr habt was verloren. Das Patriarchat!“

Was hat das denn nun zu tun mit dem Thema Macht?

Meines Erachtens liegt die Macht in unserer Welt nicht bei den Regierungen, sondern in den Zentralen der multinationalen Konzerne und in der Finanzindustrie. Um in einem multinationalen Konzern Karriere zu machen, muss man so viel opfern, dass das Ziel einem schon enorm wichtig sein muss. Das heißt, die Menschen, die dort Entscheidungen treffen, die unsere Welt gestalten, sind vermutlich in der Regel Menschen, denen Macht, Geld, Erfolg, Status wichtiger sind als Zeit für Familie, Freundschaften, Muße, Besinnung. Sonst würden sie es gar nicht dahin schaffen.

Sicher sind nicht alle mächtigen Menschen so. Aber das Gros der Vorstände in den wirklich wichtigen Konzernen ist anders gestrickt als wir, die wir hier auf der Wiese hocken. Wäre ja auch ok, wenn nicht durch die enorme wirtschaftliche Macht dieser Konzerne Entscheidungen getroffen würden, die uns alle betreffen und vielleicht nicht so schmecken.

Dass Frauen in diesen Zirkeln fast nicht vorkommen, bedeutet auch, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, aus rein männlicher Sicht getroffen werden.

Aber „ausbaden“ müssen wir alle es. Deshalb mein Appell an uns alle: Lasst uns das Wort Macht neu besetzen.

Macht kann niemals so kacke sein wie Ohnmacht.

Lasst uns gemeinsam, Männer und Frauen, eine Welt schaffen, in der wir alle die sein können, die wir sein wollen. Dafür dürfen wir aber die Macht nicht denen überlassen, die sie nur für sich selber wollen. Und wir brauchen die Frauen dabei. Ich sehe jetzt gerade, ganz aktuell, bei DiB so viele tolle Männer. Aber wo sind die Frauen? Bringt euch ein!

Danke, Julia!

Article by Sabine Sedlaczek

5 Comments

  1. Joachim Lund bv 11. August 2017
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    Die Ausführungen kann ich nur unterstützen. Es ist schwer verständlich, daß es immer noch diese Schieflage gibt. Allerdings haben auch die Männer mit den Machtverhältnissen zu kämpfen. Eigentlich dürfte es diesen Begriff gar nicht geben außer mit dem Hinweis auf Machtmißbrauch. Denn die besten Säulen der Verantwortung sind Anerkennung und Vertrauen. Das muß man sich allerdings erarbeiten.

  2. Anna 13. August 2017
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    Vielen Dank für den tollen Artikel! Julia spricht wichtige und interessante Punkte an.
    Mich als Frau überrascht es auch immer wieder, Gespräche wie die beiden oben erwähnten mit vermeintlich klugen Menschen führen zu müssen. So ein emotional besetztes Thema ist nicht einfach zu diskutieren. Genau deswegen ist es so wichtig, es immer wieder zu tun.

  3. Lia 16. August 2017
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    „Macht kann niemals so kacke sein wie Ohnmacht“ – mit etwas anderen Worten haben wir das in den 80-ern im Studium diskutiert. Unter den meisten Sozialpädagogik-Studentinnen war das schwer zu vermitteln. Den wenigen Männern in diesem Studiengang schon. Dabei versuchte der Dozent einfach nur klar zu machen, dass es um die Macht, etwas zu bewegen ging. Nicht um die Macht, über andere zu herrschen, was die meisten sofort assoziierten.
    Er hätte es heute auch nicht leichter, denn ich begegne diesem Missverständnis immer noch. Deswegen danke Julia, für diesen Artikel! Wir müssen an dem Thema dran bleiben und werden noch viele Bretter bohren müssen, damit wenigstens meine Töchter vielleicht irgendwann den Erfolg erleben können.

  4. Marla 17. August 2017
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    Chapeau!
    „Mit 20 dachte ich, ich sei ein Mensch. Jetzt weiß ich: Ich bin eine Frau. Und erst danach ein Mensch.“
    Das Paradoxe ist, kommt noch hinzu!, wenn du dich selber als Frau bezeichnest, Frauen wollen, Frauen sind, wirst du sofort als Feministin, Männergegnerin beschimpft! Übrigens nicht von den Alten, sondern von den sogenannten ’neuen Männern‘!

    Wie oft ich im Erwachsenenleben erfahren mussten, dass ich einen Geburtsfehler habe, hat mich zutiefst verletzt!
    ‚Sie sind im gebärfähigen Alter, deswegen stellen wir Sie nicht ein!‘
    Oft von Männern geäussert, die stolz ihr ‚Papa_Mama_Kinder‘ Bild auf dem Schreibtisch präsentierten!
    Ob die Kinder per Katalog bekommen haben, hab ich mich oft gefragt!

  5. Mira 18. August 2017
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    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel.
    Ich gehöre zu der Generation Frauen, die ihre „sozalen Pflichten“ neben ihrem Beruf absolviert haben – Kindererziehung, Pflege der Eltern. Was das für die Rente bedeutet, ist nur ein Aspekt. Immerhin besteht ja vom Arbeitsmarkt aus – politisch gewollt – das großzügige Angebot, in Teilzeit zu arbeiten – sowohl bewilligungsfähig wegen kleiner Kinder als auch wegen zu pflegender Angehöriger.
    Der andere Aspekt ist natürlich auch der, mit welchem Selbstverständnis man seinen erlernten Beruf ausübt und wie die Karriereschritte sind.
    Interessant ist für mich auch folgende These: Ist es so, dass wenn eine bestimmte Branche von Frauen „erobert wird“ , dass dann die Entlohnung, das Durchschnittsgehalt fällt?
    Sekretäre waren im 19. Jahrhundert Männer, die des Schreibens mächtig waren – eine gut bezahlte Männerdomäne.
    Sekretärinnen- diese Branche ist heute Frauendomäne; das durchschnittliche Gehalt ist so, dass man Männer eher selten dort antrifft. Ist es auch eine Imagefrage?
    Der Beruf des Arztes wird heute auch häufig von Frauen angenommen. Ist das Gehalt in den Kliniken- im Vergleich zu männlich besetzten akademischen Berufen – in den letzten Jahrzehnten gesunken? Kennt jemand ähnliche Beispiele?
    Ein Signal für den Missstand ist der Red-Bag-Day: der 23. März, an dem manche Frauen mit roten (Hand-)Taschen vor die Tür gehen. Am 23. März haben sie bei gleicher Ausbildung und gleichen Anstellungsmerkmalen den gleichen Lohn für das Vorjahr erhalten wie Männer am 31.12 des Vorjahres.
    Achtet auf die roten Taschen.

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